Der zweite Tag beginnt kühl und klar. Am Morgen liegt ein Hauch Herbst in der Luft – jene frische, kristallklare Kälte, die einen mit einem tiefen Atemzug sofort wach macht. 6 Grad, der Himmel milchig blau, und das Val Trupchun wartet schon: eines der berühmtesten Wildtäler der Alpen, mitten im Schweizer Nationalpark.
Hier zeigt sich die Natur so ursprünglich, so ungestört, dass man nicht wandert, sondern eintaucht.
Eintritt in eine andere Welt
Schon am Beginn des Tals fällt die Ruhe auf. Keine Autos, keine Siedlungen, nur das Rauschen des Baches und das Knirschen des Kieses unter den Wanderschuhen. Die hohen Felswände wirken wie steinerne Torflügel, die sich langsam öffnen, und je weiter man hineingeht, desto deutlicher wird dieses Gefühl: Hier regiert die Natur selbst.
Das Val Trupchun wird nicht umsonst als „das tierreichste Tal Europas“ bezeichnet – und schon nach wenigen Minuten wird klar, warum.
Tierbeobachtungen – Ein Tag voller Begegnungen
Der Tag wird zu einer kleinen Safari.
Hirsche sind die ersten, die sich zeigen: Ihre Rufe hallen durch das ganze Tal. Die Brunftzeit hat begonnen, und das Echo der Röhrer schwingt zwischen den Felswänden hin und her – ein urtümlicher Klang, der Gänsehaut macht. Immer wieder erkennen wir in der Ferne kräftige Silhouetten, mal im Lärchenwald, mal auf den offenen Hängen.
Nicht viel später huscht eine Gruppe Gemsen über eine Schutthalde. Elegant, sicher, als würden sie die Schwerkraft nicht kennen. Ein paar bleiben sogar stehen und mustern uns mit neugierigen, dunklen Augen.
Dann, fast schon selbstverständlich für dieses Tal, hört man aus einer Wiese das Pfeifen der Murmeltiere. Manche sitzen auf den Hinterpfoten wie kleine Wachtposten, andere verschwinden blitzschnell in ihren Bauen.
Doch das eigentliche Highlight lässt etwas auf sich warten – wie es sich für einen König der Lüfte gehört.
Der Bartgeier – Majestät über dem Tal
Wir sitzen gerade auf einem sonnigen Felsblock und machen eine kurze Pause, als plötzlich ein riesiger Schatten über uns hinwegzieht. Gross, ruhig, kraftvoll.
Ein Bartgeier.
Mit über 2,5 Metern Spannweite kreist er ohne einen einzigen Flügelschlag über dem Tal. Er gleitet anmutig an den Felswänden entlang, steigt höher, dreht wieder ab und verschwindet schliesslich über einem Grat. Dieser Moment ist still, intensiv und unvergesslich – genau der Zauber, den das Val Trupchun so berühmt macht.
Herbstfarben, wilde Täler und ein Hauch Magie
Der Wanderweg führt weiter hinein ins Tal, vorbei an lichten Lärchenwäldern, über kleine Holzbrücken und entlang des glasklaren Ova da Trupchun. Die Natur zeigt sich in warmen Gold‑ und Ockertönen: die ersten Lärchen färben sich, Gräser leuchten rotbraun, und der Wind trägt bereits ein paar tanzende Nadeln durchs Licht.
Je weiter man geht, desto wilder wird die Landschaft. Schroffe Gipfel ragen über die Talhänge, und immer wieder öffnen sich kleine Plateaus mit fantastischem Blick auf die Engadiner Bergwelt.
Rückweg mit Abendstimmung
Auf dem Rückweg legt sich langsam ein weiches Licht über das Tal. Die Schatten werden länger, die Rufe der Hirsche wieder lauter. Es ist, als würde die Natur sich auf eine abendliche Bühne stellen – nur für die wenigen Wanderer, die noch hier sind.
Mit müden Beinen, warmem Herzen und einem Kopf voller Naturbilder endet der Tag. Das Val Trupchun ist nicht nur ein Wanderziel. Es ist ein Erlebnis. Ein Ort, der einem zeigt, wie wild und gleichzeitig harmonisch die Alpen sein können.















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